Auenland am Sary Tschelek

Über eine lange Schotterpiste schaukelte unser kleiner Toyota Minibus. Arslanbob liegt hinter uns und bis zur ausgebauten Fernstrasse in den Norden musste Anatoli unser Gefährt kurvend das Bergtal hinunter steuern. Inzwischen hatten wir uns recht behaglich im Bus eingerichtet … Alik und Anatoli besetzten die ersten Reihe, Thomas links von mir an der Tür und Conny rechts am Fenster. Ich durfte den Blick gerade aus geniessen und für wenige, rechtzeitige und absolut notwendige Fotostopps sorgen. Sebastian und Christiane hatten sich kuschlig mit unseren Rucksäcken in der dritten Sitzreihe verkeilt. Ausreichend bequem war es für uns alle. Immer wieder erstaunte uns die Leistung des (schon bereits etwas älteren) Toyotas, und vor allem auch die unseres Fahrers Anatoli, welche beide steile Wanderwege fahrend hoch und runter meisterten. Viele der während unserer Reise genutzten Fahrwege wären in den Schweizer Bergen mit einem blauen Wanderschild gekennzeichnet worden: schwierig zu wandern, absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit vorausgesetzt 🙂 …

Die ersten Kilometer der Fernstrasse führten unmittelbar an der usbekisch – kirgisischen Grenze entlang. Die ehemals „brüderlich“ verbundenen Sowjetrepubliken trennt heute ein doppelter Stacheldraht und dahinter ein vermintes Gelände. An einer Stelle ragt usbekisches Staatsgebiet wie ein Wurmfortsatz nach Kirgistan hinein. Die Strasse führt 20 Kilometer ins Landesinnere, einem zu Usbekistan gehörenden Flusslauf mit links und rechts knapp 50 Meter Uferböschung, überquert dann den Fluss und geht die 20 Kilometer flussabwärts wieder zurück. Früher ein Weg von 100 Metern … heute ein Umweg von einer halben Stunde. Machtspiele der politischen Geographie.

Langsam wich das grüne Kulturland des Fergana Beckens einer kargen Berglandschaft und die Strasse wurde ihrem so schön exotisch klingendem Namen gerecht: Tian Schan Highway. Der Fluss Naryn hat in Millionen Jahren einen tiefen Canyon in das Bergmassiv geschnitten. Wir folgten dem Fluss bergaufwärts in einem schmalen Tal auf einer eng an den Felsen „geklebten“ kurvigen Strasse, durch dunkle Tunnel und ab und zu mit ordentlichen Tiefblicken zum schnell strömenden Fluss.

Der nächste grössere Ort unserer Fahrt, Tasch Kumyr, war zu sowjetischen Zeiten eine bedeutende Bergbaustadt. Hier wurde Steinkohle gefördert … die heute, vermutlich weil zu teuer, keinen Abnehmer mehr findet. Illegal holen die verbleibenden Einwohner der Stadt noch immer Kohle aus abenteuerlichen Stollen, dessen Mundlöcher links und rechts der Strasse zu sehen waren. Wir bogen vom Highway ab und schaukelten wieder über eine Schotterpiste dem Nationalpark Sary Tschelek entgegen.

Unsere CBT Unterkunft fanden wir in Arkit. Der Ort liegt bereits im Gebiet des Nationalparks am Fuss eines hohen Massivs. Dort oben, am Ende einer steilen Bergpiste mit vielen engen Kurven liegt auf 2000 Meter Höhe das Auenland und unser Ziel für das Trekking des nächsten Tages.

Im Gegensatz zu unserer Unterkunft in Arslanbob war es in diesem Guesthouse kalt. Damit meinen wir das Haus und den Empfang … es fehlte die Herzlichkeit von Lenara. Die Zimmer waren sehr einfach, komplett schmucklos eingerichtet und rochen „leicht“ müffelnd nach einem Kohleofen, der aber trotz kühlen Nachttemperaturen nicht in Betrieb war. Die Hausherrin war eine ältere Frau mit mürrischen Blick, die die genauso mürrisch blickenden Töchter / Schwiegertöchter auf Trapp hielt. Das Haus lag eigentlich sehr idyllisch an einem munter sprudelnden Flüsslein … aber die Kühle des Ortes machte es uns schwer, sich richtig wohl zu fühlen.

Der Ort Arkit schlängelt sich mit einfachsten Bauernhöfen dem Flüsschen und der daneben verlaufenden Piste entlang bis zum grossen Eisentor, der den Zugang zum eigentlichen Nationalpark gestattet. Ab diesem Tor verläuft die Route immer steiler ansteigend durch wunderschöne Wälder. Immer wieder gestattet die Serpentine tiefe, Schwindel erregende Blicke aus den Fenstern des Minibus ins Tal. Mit uns zusammen fuhr ein älterer (52 Jahre, aber viel älter aussehender) Guide dem See entgegen.

Dramatisch öffnete sich ein tiefer Einschnitt und gab den Blick auf den blauen Sary Tschelek See, umringt von namenlosen, vereisten Viertausendern, frei. Himmel und See strahlten beide im gleichen tiefen Blau und wurden vom Grün der umgebenden Wälder wunderbar gerahmt. Wir wanderten vom See durch blühende wilde Apfelbaum – Wälder, stiegen über von bunten Blumen überbordende Wiesen und wateten durch eiskalte Bergbäche. Höhepunkt unserer Wanderung war ein Picknick an einem der vielen kleinen Bergseen. Wir konnten gar nicht so schnell „Blaubeermarmelade“ sagen, wie Thomas, nur noch mit Unterhose bekleidet ins kalte Wasser sprang. Konnten wir Männer so nicht stehen lassen und so schwammen wir alle vier schnelle Schwimmzüge in dem, ich erwähnte es bereits, kalten Bergsee. Eine tolle Bergkulisse im Hintergrund, Menschenseelen allein an diesem Ort … ein unvergessliches Bild:

Den Abend durften wir dann im Guesthouse mit einer netten Unterhaltung mit einem ebenfalls deutsch/schweizer Reisepaar verbringen und uns über vergangene Reisen und unsere Ziele in Kirgistan austauschen. Auch wenn der Ort etwas herb ist … lohnt der Stopp dort um ein abgelegenes Paradies, oder eben ein sehr reales, zauberhaftes Auenland a la Tolkiens „Herr der Ringe“ zu erwandern.

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Am Ende ein See … Song Kul

Am Ende ist immer alles gut, wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende (ganz frei zitiert 😇) … haben wir schon mal in unserem Blog verwendet, trifft aber so wunderbar auf die letzten beiden Tage zu, dass es hier nochmals bemüht wird.

Wir sitzen in der wärmenden Sonne auf recht genau 3000 Metern über Meer und vor uns strahlt der Song Kul im wunderbaren Blau mit dem Himmel um die Wette. Auf unserer morgendlichen Wanderung zu einem der näheren Erhebungen, immerhin ein 3200 Meter hoher Berg 🙂, sind wir mit eisigen Wind durch den in der Nacht frisch gefallenen Schnee gestapft. Auf dem Gipfel strahlte dann die Sonne bereits mit Kraft und leckte die dünne Schneeschicht von den Wiesen des Hochtales. Die stürmische, eiskalte Nacht (-10°C) haben wir geschützt in unserer Jurte verbracht. Alle 5 waren wir dick in die Decken eingemummelt und darum bemüht, nicht das 30 Meter entfernte Toilettenhäuschen aufsuchen zu müssen. Unsere Jurte steht am Ufer des grandiosen Bergsees. Auf dem tragenden Holzscherengitter liegen dicke Filzmatten und der kleine Ofen, eingeheizt am Abend, sorgt beim Einschlafen für eine behagliche Wärme.

Die vorletzte Nacht verbrachten wir in einer sehr guten Berghütte, etwas abseits der Strasse zum 3100 Meter hohen … Pass. Alik hat uns die russische Art zu saunieren näher gebracht: Die Banja wurde mit Holz ordentlich eingeheizt und dann sorgten hohe Temperatur, hohe Luftfeuchte und ein grosser Bund mit Eichenblättern für ordentliches Schwitzen. Wir schafften 4 Saunagänge, inklusive dem Sprung ins mit Bergwasser gefüllte Becken.

Gestern ging es dann zuerst den Pass hinauf und dann eine recht schlechte Piste durch einen tiefen Canyon dem Ort Aral entgegen. Unterwegs, an einem Mausoleum eines furchtbar starken Kirgisen, trafen wir den radfahrenden Lasse, einen 18 jährigen Berliner auf dem Weg zum Song Kul. Ein sehr passender Ort … der Kirgise bezwang noch mit 60 Lebensjahren alle gegen ihn antretenden Kämpfer und konnte einen 600 kg schweren Stein stemmen. Und Lasse trotzt der schlechten Piste, den tiefen Temperaturen und dem noch über 100 km langen Weg bis zum See.

Um den Song Kul zu erreichen, muss eine bis zu 4000 Meter hohe Bergkette überwunden werden. Unser Fahrer, Anatoli ist auch ein Freund von rollender Planung und informierte sich fortlaufend über den Zustand der 4 Pisten, die zum See hinauf führen. Die naheliegendste Strecke war leider noch unpassierbar und zwang uns zu einem 100 Kilometer längeren Umweg. Kurz hinter Koshkor bogen wir von der Hauptstrecke auf eine 50 Kilometer lange raue Schotterpiste und schraubten uns langsam dem 3400 Meter hohen Pass entgegen. Das Wetter wurde immer schlechter, die Temperatur sank unter 0°C und der Schnee wurde stürmisch gegen den schwankenden Minibus gepeitscht. Langsam kämpfte sich unser Toyota die steile Serpentine mit schönen Tiefblicken durch Geröll, Schlamm, alten und frischen Schnee Höhenmeter um Höhenmeter nach oben. Kurz vor dem Pass stoppte Anatoli recht plötzlich. Einer der beiden Hinterreifen war geplatzt. Vermutlich fuhren wir schon eine Weile auf der nun qualmenden Felge. Mitten im Schneesturm wechselte Anatoli von uns umringt in weniger als 10 Minuten das Rad und unsere holprige Fahrt durch eine komplett weisse Wand und dem waagerecht stürmenden Schnee, zum Jurtencamp konnte weiter gehen.

Gegen 20 Uhr erreichten wir das Camp und eine dampfende Schüssel mit Suppe und 2 (kleinere) Flaschen Wodka warteten auf unseren Held Anatoli und uns. Langsam liess der Schneesturm nach – nur noch Wind ohne Schnee – und Mond und Wolken zauberten ein wunderbares Abendlicht über das Jurtencamp. Dick eingerollt in unsere Decken hörten wir dem Wind, der über die Jurte fegte zu und schliefen alle ausgesprochen gut, hier oben auf 3000 Metern, bei diesem grandiosen tiefblauen Song Kul … am Ende ist alles gut, und ein See.

Nachtrag: Wir befinden uns in der Vorsaison, touristisch gesehen, für Kirgisistan. Die Hauptreisesaison beginnt mit dem Juni … aber bei schönem Wetter kann jeder 🙂. Daher ist es am Song Kul sehr ruhig und einsam. Wir sehen rundherum noch andere Jurtencamps, die aber noch nicht eröffnet haben. Unsere sieben Jurten sind die derzeit einzig bewohnten am Seeufer. Unsere Mittagspause verbrachten wir allein, sonnend auf der Wiese im kalten Wind. Gerade als wir unseren obligatorischen Moshe Feldenkrais Kopfstand übten, rollte ein VW Bus mit weiteren deutschen Gästen ins Camp … eine badische Winzerfamilie, deren Tochter gerade ein Auslandsjahr in Kirgisistan verbringt und von den Eltern und Freund besucht wird. So genossen wir den Sonnenuntergang am Song Kul mit einem Becher badischen Rotwein in der Hand …

„Walden“ in Arslanbob

Ruhe. Ein Hund bellt in der Dunkelheit und wieder Ruhe. Wir sitzen im grössten Zimmer des Hauses unserer Gastgeberin Lenara in Arslanbob und sind satt und zufrieden von einem sehr guten Abendessen, welches wir uns aber auch redlich erwandert haben.

Der Charakter unserer Reise hat sich an der usbekisch-kirgisischen Grenze grundlegend geändert. Statt Wüste und Kultur geht es jetzt um Berge und Trekking. Statt allein sind wir jetzt mit Anatoli, dem Fahrer unseres Toyota
Minibusses und unserem Guide durch Kirgistan, Alik unterwegs … wir können uns zurücklehnen. Auch sehr angenehm. Gemeinsam verbrachten wir unseren ersten Abend und einen halben Tag in der zweitgrössten kirgisischen Stadt, Osh. Wir verirrten uns nicht auf dem riesigen Basar, voll mit allen möglichen Waren, die oft direkt aus alten Übersee-Containern heraus angeboten werden. Barfüssig bewältigten wir unsere erste kleinere „Bergwanderung“, auf den mitten im Stadtgebiet stehenden Fels, der ein heiliger Ort, der Thron Salomons, ist. Im Felsen finden sich einige kleinere Höhlen, in die wir auf blank gewienerten Felsen hineinkriechen konnten, um uns an einer schwer zugänglichen Engstelle den Tropfen Allahs, der sich dort an der Felsdecke bildet, auf die Augen zu schmieren. Ein mehrmaliges Rutschen in einer Felsrinne erfüllt entweder grundsätzlich Wünsche oder im speziellen den Wunsch nach Kindern … hier unterscheiden sich wieder die Angaben der Reiseliteratur.

Im Gegensatz zu Usbekistan bedeutet im Auto unterwegs sein nicht mehr Todesängste auszustehen. Grundsätzlich fliesst der Verkehr langsamer und Anatoli manövriert unseren Minibus sehr entspannt und somit ganz in unserem Interesse durch die kirgisische Landschaft. Die meisten anderen Fahrzeuge auf den Strassen haben ihre besten Zeiten bereits in Japan (z.B. unser Minibus) oder Deutschland erlebt und sind mit der Originallackierung, inklusive z.B. deutscher Handwerkerbetriebsbeschriftung unterwegs. Gemeinsam kämpft sich der Verkehr langsam die runden, mit grünem Grass bedeckte Berge, die das Fergana Tal umschliessen, hinauf. Auf über 2000 Metern erreichten wir einen Pass und rollten Dzhala Labad entgegen. Hinter dieser Stadt bogen wir in Richtung der Berge der Fergana Kette ab, folgten einem meist recht schnell strömenden Fluss in einem voller Geröll gefüllten Flussbett unserem Etappenziel Arslanbob entgegen.

CBT (Community based tourism) steht für einen nachhaltigen Tourismus, der das erwirtschaftete Geld in der jeweiligen Gemeinde halten soll. CBT ermöglicht es uns bei einer einheimischen Familie auf ihrem sehr schönen Hof zu übernachten und mit kirgisischer „Hausmannskost“ bekocht zu werden. Gemeinsam mit der Hausherrin, Lenara, ihrer Tochter, einem Hundewelpen und 2 grossen und vier Baby Katzen und ungezählten Hühnern und Kücken teilen wir uns das schöne, aber recht kalte Holzhaus, in dem es meist sogar elektrischen Strom hat 🙂, einen grossen Hof und Gemüsegarten. CBT knüpft Partnerschaften mit ausländischen Sponsoren, im Fall von Arslanbob, der Schweiz. Liegt auch auf der Hand … Arslanbob könnte das Zermatt oder Davos Kirgistans sein. Der Ort liegt umgeben von grossen Walnusswäldern auf 1400 Metern vor einer steil aufragenden Bergwand. Die höchste Erhebung des Babash Ata Massiv ist 4400 Meter hoch und ragt schneebedeckt aus der Wolkendecke. Die Tourismus Projekte, die CBT in der Gemeinde entwickelt, entsprechen den touristischen Highlights der Schweizer Berggemeinden. Mit gesponserten, alten Skiern aus Europa versucht man im Winter Skitouren anzubieten (es gibt keine Liftanlagen 🙂) und im Sommer geht es ums Wandern, Hochtouren gehen und klettern.

Wir durften heute mit einem Führer, der von CBT als Guide und zudem in Englisch ausgebildet wurde auf über 2200 Meter bergwandern, in die Tiefe eines tosenden grossen Wasserfall blicken, bei Regen in einer Schutzhütte picknicken und, mein Highligth, durch einen von der wieder durch die Wolken gebrochene Nachmittagssonne mystisch beleuchteten Walnusswald zurück in den Ort wandern. Der Wald ist ein echtes Wunder … egal in welche Himmelsrichtung du dich von Arslanbob nur wenige Kilometer entfernst, du landest in einer öden Gegend … in Richtung Süden sind es die bis zu den 7000 Meter hohen Gipfeln des Pamirs. Im Westen wissen wir, wie trocken und heiss es in der usbekischen Wüste sein kann, nach Norden wartet die kasachische Steppe auf dich und im Osten der chinesische Teil der Wüste Gobi. Und hier wanderten wir durch einen grünen Wald, der der Ursprung der Walnuss-, Äpfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume in unseren europäischen Gärten ist. Der Ruf eines Muezzin, welcher aus der Ferne zu hören ist, erinnert daran, dass dieser Wald weit weg, von denen in der Schweiz oder in Deutschland entfernt in Zentralasien liegt.

Uns gefällt die Idee von CBT mit einer nachhaltigen Entwicklung des Tourismus unter der Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung und auch unsere nächsten Gästehäuser und die Jurten gehören der Organisation an. Es bleibt also zwar einfach aber familiär …

Regen und Seide … Margilan

Diesmal gibt es eine Fotoreportage 🙂 … unser Tag in Margilan begann zwar mit Regentropfen, aber auch mit sehr freundlichen Begegnungen, z.B. der nette Brotverkäufer, der uns eines seiner schönen, noch warmen Brote schenkte.

Danach durften wir einen Blick in einen Kindergarten werfen … es war gerade Mittagsruhe, nur noch der „Tischdienst“ war noch auf …

… und noch mehr schönes Brot, direkt ab dem Ofen …

Und hier der Grund unseres Besuches in Margilan … darf ich vorstellen: Die Seidenraupe, noch unverpuppt.

Viele frische Maulbeerblätter zum futtern und dann …

Eingepackt in Seide … ein Faden, 3000 Meter lang.

Die Kokons werden im Wasserbad erhitzt und die Seidenfäden abgezogen …

Die gewonnen Seidenfäden werden gebündelt und das Design zum Färben wird erstellt … komplizierte Sache, erkläre ich gern persönlich ausführlicher 🙂

Mit natürlichen Materialien, z.B. mit getrockneten Schalen von Zwiebel, Nüssen und Granatäpfeln, Indigopulver und und und … werden die Fäden gefärbt.

Auf alten Holzwebstühlen weben Frauen farbenfrohe Stoffe. Das Schiffchen schiesst hin und her …

… oder die Seidenfäden werden zu Teppichen geknüpft. Pro Tag „wächst“ dieser Teppich um einen Zentimeter.

… und natürlich haben wir dann auch eingekauft. Kein Teppich, aber ein paar Tücher für uns.

Am Abend sprachen uns dann noch 2 junge Herren an und baten uns, mit in Ihre Englisch Unterrichtsklasse zukommen … Machten wir sehr gern und haben Unterricht in europäischer Geografie und unserem Alltagsleben gegeben … die Schüler waren recht schüchtern, daher fragten mehr die Lehrer und der Austausch war etwas einseitig … hat aber Spass gemacht und nur allein die „Selfie Orgie“ mit allen nahm viel Zeit in Anspruch 🙂 …

Inzwischen haben wir die usbekisch – kirgisische Grenze passiert und werden heute von Osch in die Berge aufbrechen … natürlich werden wir darüber berichten … vermutlich aber erst später, in 10 Tagen in Bishkek, veröffentlichen können … die Reise geht weiter!

„Alte“ Bekannte … Taschkent

Früh um sieben Uhr spuckte uns der Zug am Tashkenter Bahnhof ungewaschen, unausgeschlafen und etwas verkatert aus. Das neue imposante, bisher riesigste Bahnhofsgebäude im Stil eines Emir Sommerpalastes mit viel Glas verfügt zwar über einen unbesetzten Informationsschalter, unzählige Warteräume, eher Säle, mit für VIP Bahnfahrende sogar mit weissen Ledersofas und riesigen Sesseln … aber keine Tafel mit Informationen zu an- und abfahrenden Zügen oder einer Möglichkeit, sein Gepäck irgendwo zu deponieren. Wir hatten 10 Stunden Aufenthalt in Taschkent, die wir ungern auf unseren Taschen sitzend verbringen wollten.

Also wieder der richtige Zeitpunkt für den Plan B … wir organisieren uns zwei Taxis, fahren in die Innenstadt und versuchen in einem der etwas luxuriösen Hotels der Reisegruppen unser Gepäck unterzubringen. Bahnhöfe in Usbekistan betritt und verlässt man durch eine mit Flughäfen vergleichbare Sicherheitskontrolle, inklusive Durchleuchten der Taschen. Und genau vor dem Auslass aus dem Bahnhof wartete bereits seit einer Stunde der 17 jährige Sohn von Anvar auf uns, unserem Zugbegleiter aus dem Moskauer Nachtzug nach Taschkent. Artyom half uns ja bereits bei der Organisation der Fahrkarten, merkte sich unsere Ankunftszeit und „schwänzte“ die Schule, um uns durch Taschkent zu begleiten … eine lässliche Sünde, das Schuleschwänzen, da wir ja die gesamte Zeit in Englisch miteinander kommunizieren mussten. Somit half uns Artyom taff bei der Preisverhandlung mit der Taximafia (PS … jedes Auto ist in Usbekistan ein potentielles Taxi, uns gelang es bisher erst einmal in einem offiziellen Taxi mitzufahren). Im Hotel Usbekistan, dem ersten Haus am Platz 🙂 muss ich dem Bellboy relativ glaubhaft vermittelt haben, dass wir Gäste des Hauses sind und noch vor unserer Weiterreise unser Gepäck zwischenlagern wollen … gaaanz einfach waren wir im Stadtzentrum und unser Gepäck los.

Wir nutzten die Zeit für einen weiteren Spaziergang durch die Stadt, besuchten das Denkmal, welches an das Erdbeben von 1966 und den Wiederaufbau der Stadt in der Sowjetunion erinnerte. Noch eindrücklicher waren die Namenstafeln aller im 2. Weltkrieg gefallen usbekischen Soldaten … 400 000 Namen junger Männer, die nach 1920 in Samarkand, Taschkent oder Buchara geboren wurden und auf dem weiten, verlustreichen Weg nach Berlin zwischen 1942 und 1945 an den Fronten gefallen sind. Macht mir einen Klos im Hals und es ist mir unverständlich, warum in Deutschland zwar Fronleichnam ein offizieller Feiertag, aber nicht der 8.Mai (Ende des 2.Weltkrieges) ist.

Zurück am Bahnhof war ich, Jörg, etwas angeschlagen. Der Bauch rumorte etwas sehr und die letzten Tage mit Hitze, wenig Schlaf und etwas suspektem Essen am Strassenrand forderten ihren Tribut … also schlief ich im Schatten und die anderen 4 versuchten Artyom unser Reisespiel „Wizzard“ beizubringen. Kurz vor der Abfahrt des Zuges durften wir auch noch Anvars Frau und Artyoms Mama, Swjeta, kennenlernen. Über die Absperrung zum Bahnhof reichte sie uns unsere Reiseverpflegung für die 5 stündige Fahrt ins Fergana Tal. So konnten wir aus dem Abteilfenster des recht bequemen Zuges die sich verändernde Landschaft beobachten und lang geschmorte, mit Reis und Hackfleisch gefüllte Paprika und Kartoffeln geniessen.

Der Zug fuhr uns in die Berge, an einem rauschenden Bergfluss entlang, einem 2300 m hohen Bergpass hinauf und ins Fergana Tal und die neue Nacht hinein. Kurz vor 23 Uhr stiegen wir in Margilan aus dem Zug aus und wurden von 2 jungen Männern unseres Guesthouses Ikat bereits erwartet. Margilan kommt hinsichtlich touristischer Strukturen in meiner Reiseliteratur sehr schlecht weg. Meist wird geraten, eine Tagesexkursion hierher zu unternehmen … aber mir gefiel bei meiner Internet Recherche dieses kleine, privat geführte Haus und es lohnte sich für uns wirklich abseits der sowieso bereits recht wenig bereisten Hauptorte des Tales einen Halt zu machen. Ein schöner Garten begrüsste uns, ein grosszügiges, einfaches Haus mit einer heissen Dusche und ein sehr freundliches Personal (das allerdings kaum oder kein englisch spricht) machen den Aufenthalt sehr angenehm.

sleep – Zen Meditation in der Bahn

Eigentlich sollte das ein ganz ruhiger Blog werden … aber diese Rechnung habe ich ohne die Belegung unseres Schlafwagens von Urgensch nach Taschkent gemacht. Wir erleben gerade eine Metamorphose unseres Mitreisenden Thomas. Aber der Reihe nach …

Heute ist wieder Reisetag. Es geht durch die Nacht zurück nach Taschkent. Wir wurden von 2 sehr freundlichen Taxi Fahrern, wovon einer sogar in unserem Reiseführer empfohlen wird 😇, sicher von Chiva nach Urgensch gefahren. Urgensch ist die neue, inzwischen bedeutendere Stadt in der Region und verfügt über den Anschluss an das usbekische Bahnnetz. Der neue, ebenfalls palastartige Bahnhof war kurzer Zwischenstopp bevor es am Nachmittag mit dem Nachtzug weiter in die Wüste hinein ging. Conny, Christiane, Sebastian und ich teilen uns das 4er Abteil und Thomas quartierten wir zwei Abteile vor uns bei 3 seriös aussehenden, Anzug tragenden Usbeken ein. Die Wärme und das etwas eintönige Programm vor dem Zugfenster liess meine Mitreisenden schnell eindösen. Ich entschied mich dafür die vorbei gleitenden Bilder mit einem passenden Soundtrack zu untermalen.

Ich höre sehr gern Max Richter und besonders mag ich sein 8 Stunden langes Werk „sleep“. Genau die passende Musik für den Blick aus dem Abteilfenster des recht gemächlich durch die ockerfarbenen Wüstenlandschaft rollenden Zug. Die tiefen, beruhigenden Basstöne passen sich gut ein in die Geräuschkulisse der fahrenden Bahn. Die ruhige Musik mit feinen Melodien und wiederkehrenden Motiven in der Kombination mit der sich nur minimal verändernden Landschaft hat etwas sehr meditatives und hilft alle störenden Gedanken zurück zulassen … eine Zen Übung 😇.

hier kommt dann bald noch ein timelapse video … Versprochen!

Von Thomas hörten wir 2 Stunden garnix und ich ging davon aus, dass auch er vor sich hin döst. Mitten in meiner Meditation stand Thomas in unserer Abteiltür mit leicht gekreuztem, aber seligen Blick auf der Suche nach Asyl. Die 3 Herren seines Abteils hatten kurz nach Urgensch die Anzüge aus und die Freizeitkleidung angelegt. Mischa, Kolja und Alek besiegelten gemeinsam mit Thomas und 3 Flaschen Wodka, gegrilltem „Vogel“ (wir vermuten Brathähnchen), hartgekochtem Ei, Gurke und Brot die deutsch usbekische Freundschaft. Thomas verdaute die zwei voll gefüllten Teegläser mit Wodka in unserem Abteil, wurde aber recht schnell von seinen neuen Freunden vermisst. Inzwischen kennen wir den gesamten Wagon, haben verschiedenste Sachen zum Essen und Trinken zum probieren bekommen und uns gut mit einer älteren Dame, einer Englisch Lehrerin, unterhalten können. Thomas lacht, singt russische Eisenbahnlieder und spricht mit Händen, Füssen und seinem wieder erinnertem Schulrussisch mit allen hier im Wagon … eine Metamorphose.

Die Dunkelheit hat sich vor dem Abteilfenster ausgebreitet und im Wagon wird es merklich ruhiger. Wir sind gespannt, wie Thomas schlafen konnte, vielleicht der Stoff für einen weiteren Blog. Jedesmal, wenn ich zukünftig „sleep“ hören werde, wird vor meinem geistigen Auge die Wüste einschläfernd vorbei gleiten … sleep well!

Brot von Chiva

Über den Dächern von Chiva sitze ich vor einer grossartigen, märchenhaften Kulisse. Gleich wird der kleine Muck auf einem der nebenliegenden Dächer mit Turban und bunten gebogenen Schuhen auftauchen, ein fliegender Teppich vorbei gleiten und die Staubfahne am Horizont kann nur von Alibaba und den 40 Räubern stammen. Die Minarette strecken sich dem Himmel entgegen und die blauen und weissen Kacheln der Kuppeln und hohen Eingangsportale der Medresen wetteifern mit dem von Wolken weiss gesprenkeltem blauen Himmel. Das Beste … durch die Luft zieht der Duft von frisch gebackenem Brot.

Da wir leider keinen fliegenden Teppich mehr bekommen konnten, sind wir jetzt bereits 1000 Kilometer mit verschiedenen Taxi und dem Zug durch Usbekistan gereist und haben mit Chiva unsere 4. Station erreicht. In Taschkent waren die nahen, hohen Berge im Klima der Stadt spürbar, angenehm warm am Tag, aber doch noch recht frisch in der Nacht. Nun hier mitten in der Wüste ist es heiss. Obwohl es heute Mittag dunkle Wolken am Himmel über Chiva hatte und es ordentlich donnerte, erreichte kaum ein Tropfen des fallenden Regens den Boden. Jetzt, kurze Zeit später hat wieder die heiss glühende Sonne fast die Alleinherrschaft am Himmel. Aber nicht nur das Klima lässt uns die Entfernung zur ersten Station erfahren, neben den Baustilen hat sich mit jeder Station auch das Essen verändert. Zum Plov komme ich gleich … Was unbedingt zu diesem wohlschmeckenden Reisgericht gehört ist Non (Brot).

In jeder Stadt bekommst Du hier ein anderes Brot. Es gibt eine Vielzahl von Backstuben in den Gassen von Buchara, aber die Brote sehen nahezu gleich aus … in Buchara. Ganz anders dagegen sieht der Brotleib in Taschkent oder jetzt in Chiva aus. Die Brote wurden mit unserer Reise in den Westen des Landes immer flacher und breiter. Das Brot von Taschkent ist zwei Handflächen gross und rund nach oben gewölbt. In der Mitte des Brotleibes befindet sich eine Münzgrosse runde Vertiefung. Die Brote bleiben auch in Samarkand und Buchara rund, aber werden breiter und sind weniger hoch gewölbt. Die Vertiefung in der Mitte des Brotes ist breiter geworden und sorgt für einen knusprigen Genuss.

Bei unserer heutigen Runde entlang der alten, lehmigen Stadtmauer von Khiva durften wir zwei Frauen beim Brot backen vor ihrem kleinen, einstöckigen Haus zusehen. Die flachen, pizzagrossen Brotlaibe hatten ausreichend Zeit zum Aufgehen und stehen auf einem wackligen Holztisch in einer runden Schüssel zum weiteren Verarbeiten bereit. Bevor das Brot von der ersten Frau in den Ofen befördert, muss der vorbereitete Rohling nochmals mit dem Holz überwallt werden und dann, ganz wichtig, mit einem runden Stechwerkzeug aus vielen Nadeln in konzentrischen Kreisen „verziert“ werden. Die gestochenen Kreise geben dem Brot das typische Aussehen und verhindern, dass der Teig im heissen Steinofen zu sehr aufgeht. Die zweite Frau platziert geschickt den Brotlaib umgedreht auf einem konischen Kissen, besprüht die Oberfläche mit Wasser und klebt den Teig mit einem geübten Schwung an die Wand des Ofens. Der Ofen, zirka einen Meter hoch, hat eine runde Grundfläche, die sich nach oben hin zum Ofenloch verjüngt. Unten am Grund des Ofens wird gefeuert, früher nur mit Holz, jetzt sorgte ein Brennring mit Gas für ordentlich Temperatur im Ofen. Der Teig klebt seitlich an den Wänden, bläht sich leicht und kurz bevor er zu dunkel und kross wird wandert das duftende Brot wieder aus dem Ofen und dieser eine Laib warm in Connys Hände 🙂.

Und was bietet Chiva neben einem guten Brot … zum Beispiel 3 Nächte in einem einfachen, aber sehr guten Guesthouse innerhalb der alten Stadtmauern (http://www.meroskhiva.com) mit einer wunderbaren Terrasse (die, auf der ich gerade diese Zeilen schreiben darf 😀) mit einem beglückenden Blick von der Festung der Emire (Ark) zum nicht vollendeten bunt bekachelten Minarett und weiter in Richtung des östlichen Tores dem Horizont, der nur 20 Kilometer entfernten turkmenischen Grenze und viel Wüste entgegen. Die Gastgeberfamilie ist ausgesprochen freundlich und das Frühstück ein orientalischer Traum.

Am Tag ist die Altstadt voller Menschen, die anderen Menschen mit Fähnchen oder aufragenden Regenschirmen in den Händen nachlaufen.

Der empfehlenswerte Dumont Usbekistan Reiseführer inspirierte uns zu einem Spaziergang aus der Altstadt hinaus. Wir sind todesmutig in ein altersschwaches, rostiges Riesenrad gestiegen (der vernünftige Teil der Reisegruppe, also ich, Jörg, natürlich nicht), an der verfallenden äusseren Stadtmauer zu einem grossen Friedhof gelaufen und haben einen wunderbaren Plov in der Keramik Fabrik essen dürfen. Ein feiner Zufallsfund … von der staubigen Strasse und der heftig glühenden Sonne etwas demoralisiert landeten wir in der wohl ehemaligen Betriebskantine der Chivarer Keramik Fabrik. Die fertigt die für diese Region typischen Teekannen und Tassen mit einem weiss-dunkelblauen Motiv. Das Weiss symbolisiert die Baumwolle auf den umliegenden Feldern und das dunkle Blau steht für den Himmel darüber. Natürlich sprach in diesem einfachen Lokal niemand englisch und unsere russisch Kenntnisse verwirrten erst einmal eher, als das diese hilfreich waren. Trotzdem bekamen wir heraus, dass wir gern auch so eine riessige Schüssel mit Plov bekommen können, wie sie auf einem der Tische vor 3 Männern verführerisch aussehend stand. Allerdings nur mit einer Wartezeit von 60 Minuten und einer ungefähren Angabe, wieviel Kilogramm wir 5 den gerne hätten … zur Orientierung diente uns die Menge, die die 3 usbekischen Herren mit Genuss vertilgten: 800 Gramm Reis … also sollte für uns fünf ausgewachsene Mitteleuropäer 500 Gramm ausreichend sein. Plus dem bereits beschriebenen Brot und verschiedene Salate wurde es dann doch recht anstrengend, alles zu vertilgen und vor allem danach den Spaziergang fortzusetzen.

Die historischen Gebäude stehen auch noch nach 18 Uhr an Ort und Stelle und mit etwas mehr Raum um sich herum und weniger Anderen genossen wir das Stadtbild nach einer ausführlichen Siesta.

Morgen geht es wieder mit dem Nachtzug in Richtung Süden, Taschkent und weiter dem Fergana Tal und somit Kirgistan entgegen. Ab jetzt wird unser Reisen etwas spartanischer werden und unser Blog vermutlich erst verspätet aktualisiert … wir geniessen die Zeit im Morgenland und es duftet immer noch so gut nach frischem Brot, hier oben über den Dächern von Chiva …

Dunst über Buchara

Der Himmel über der Oasenstadt leuchtet gelb, die Sonne kämpft sich durch den Dunst aus Feuchte und Sand. Trotz, oder wegen des zugezogenen Himmels glüht die Stadt. Das Thermometer zeigt in den frühen Nachmittagsstunden 41 Grad Celsius an. Wir schwitzen nicht … jede Feuchtigkeit verdampft sofort 😉. Geweckt wurden wir heute schon früh durch das Schlagen der Fensterläden, das Knarzen der Dielen über uns und das leise Summen des kleinen Kühlschranks in unserem Zimmer. Wir wohnen für zwei Tage im Komil Guesthouse, einem sehr alten Gebäudekomplex mit mittelalterlich anmutenden Strukturen. Der Frühstücksraum wurde bereits etwas renoviert: ist er doch schon über 100 Jahre alt. Das Guesthouse liegt an einer staubigen Gasse mitten im ehemaligen jüdischen Bezirk von Buchara und die hohen, fensterlosen Aussenwände lassen die bunte Pracht im Inneren nicht vermuten.

Die Stadt ist laut, voller Touristen und Besucher aus ganz Usbekistan. Von den bunten orientalischen Gebäuden, Medresen (alte Koranschulen), Moscheen und Mausoleen lenken uns immer wieder Strassenhändler ab. Buchara ist ein einziger Basar für Touristen: Tücher aus Seide, Filz oder Kamelwolle, Keramik, Puppen und andere Souvenirs. Für meinen Geschmack zu viel Kommerz … Die vielen Ruinen, die zu Sowjetzeiten verwahrlosten, werden mehr oder weniger gut restauriert und dienen heute als Touristenmagnete und sollen zahlungskräftige Touristen anlocken. Oft werden Eintrittsgelder verlangt, nur von Ausländern, Usbeken kommen meistens gratis hinein. Solche, vom Staat gelenkten Initiativen fördern unserer Meinung nach Korruption und wir spüren oft, dass wir als Geldgeber willkommen sind, aber mehr auch nicht. Ein wenig enttäuscht waren wir dann auch, weil echte Gastfreundlichkeit nur selten zu finden war. Anvar hatte uns ja bereits gewarnt, es gäbe viele Landsleute von ihm, die sehr pauschal denken: Tourist = reich, da können sehr hohe Preise verlangt werden. Ein paar mal haben wir das auch schon erlebt – fairer Weise müssen wir aber auch gestehen, dass wir sehr schlechte Verhandler sind 😳. Dass es auch anders geht, erleben wir zum Beispiel in dem etwas abseits des Haupttrubels liegenden Restaurant Mavrigi: sehr freundliche Bedienung und faire Preise und die Salate und Kebab Menüs sehr lecker!

Wir schauen uns eine Fotoausstellung mit fantastischen Bildern an und bleiben auf dem Kunstmarkt bei einer jungen Künstlerin hängen, die Miniaturen auf altem, gewaschenen Papier malt. Sebastian und Jörg verlieben sich sofort in zwei kleine Bilder mit Granatapfelbäumen. Buchara war lange Zeit eines der Zentren einer islamischen Strömung, der wir bereits im Iran und der Türkei begegnet sind, dem mystischen Sufismus mit seinen asketischen Tendenzen und den tanzenden Derwischen. In dieser Philosophie steht der Granatapfel für Glück und viele Freunde … ein schönes, für uns passendes Bild!

Die Abendstunden sorgen für etwas Abkühlung, 30 statt 40 Grad. Die Gassen leeren sich langsam und wir geniessen die Architektur fast für uns allein im Zwielicht der Scheinwerfer. Und es gelingt fast das Disneyland Buchara kurz zu vergessen und mitten im Morgenland vor einem alten Holztor einer Karawanserei zu spüren, welche Bedeutung diese Oasenstadt einmal hatte …

Über das Taxifahren – Samarkand

Ich sitze im klimatisierten Zugabteil, draussen klettert das Thermometer den 39°C entgegen und der Zug ruckelt von Samarkand Buchara entgegen. Modernes Reisen auf der Seidenstrasse des 21. Jahrhunderts. Der neue Bahnhof von Samarkand war ein moderner, orientalischer Palast, der auch als Hauptstadtflughafen durchgehen würde 😀 … vor allem war er aber eine Art rettender Hafen nach einer rasenden Taxifahrt durch ein zugestautes Samarkand mit vielen, anlässlich des Feiertages (09. Mai … Sieg über den Faschismus oder irgendetwas mit Mutter und Kind, da wichen die Nennungen etwas voneinander ab) gesperrten Strassen.

Hinter uns liegen ein emotionaler Abschied von Tashkent und 1 1/2 sehr schöne Tage in Samarkand. Wie versprochen stand Anvar am Morgen in Tashkent vor unserem Guesthouse und hatte bereits ein zweites Taxi für unsere grosse Reisegruppe organisiert. Zusammen ging es an den Rand der Stadt, an die Ausfall Strasse nach Samarkand und weiter nach Termez an der afghanischen Grenze. Kaum waren wir den Autos entstiegen, bildete sich um uns eine Traube laut auf uns einredender Taxifahrer und deren Vermittler … jeder wollte die lukrative Fahrt haben. Anvar managte die Preisverhandlungen souverän in unserem Interesse und besorgte das grösste Auto am Platz, ein etwas betagter Mercedes Benz für Conny, Thomas und mich und einen etwas kleineren Deawoo für die beiden Scheibes. Der Preis wurde auf 80 000 Som (ca. 8 Euro) pro Person für die 280 Kilometer lange Fahrt festgelegt. Wir drückten Anvar kräftig. Der vergatterte die beiden Taxifahrer nochmals ordentlich und bat sich eine WhatsApp sofort nach Ankunft in Samarkand aus.

Auf einer zweispurigen Autobahn ging es aus Tashkent hinaus. Der Fahrer fuhr sicher und zügig aber nie schneller als 120 km/h. Trotzdem gab es Momente für etwas schwitzige Hände … plötzlich ausscherende Autos, sehr altersschwache, abenteuerlich beladene Lastwagen vor, hinter und auf beiden Seiten neben uns, die volle Ausnutzung der Fahrbahnbreite auch mal für 4 Autos nebeneinander, statt der zulässigen 2, Zebrastreifen (die aber nicht zum Anhalten der Autos führen, eher so etwas wie die Ideallinie zum schnellen überqueren der Strasse darstellt) und voll beladene Esel Karren … unterwegs meldete sich Anvar bei unserem Fahrer und liess sich von mir versichern das alles „хорошо“ – gut – ist. War es und wir erreichten am frühen Abend unser Hotel in Samarkand.

Wir entschieden uns für die kleine Runde um den Block, stillten unseren Durst der staubigen Strasse in einer Eisdiele mit dem Design der DDR Eisdielen in unseren Neubaublock Siedlungen und landeten im uns vom Concierge empfohlenen, sehr touristischen Lokal … wäre nicht unsere erste Wahl gewesen, hat uns aber satt gemacht 😉 und zufrieden auf der Dachterrasse unseres Hotels auf die nächtliche Skyline von Samarkand blicken lassen. Hell erleuchtet dominierte das Mausoleum von Timur, aber auch der Registan, unser morgiges Ziel liess sich ebenfalls gut ausmachen.

Neben der Reservation des Abendrestaurants baten wir den Rezeptionisten, uns einen Tourguide für den nächsten Tag zu vermitteln. Das erlebte Restaurant (eben nicht so unser Geschmack) liess uns etwas skeptisch am nächsten Morgen auf den Stadtführer warten, aber wir wurden sehr positiv überrascht. Malik erwartete uns pünktlich um 10 Uhr und begrüsste uns in einem noch etwas formellen Deutsch. Schnell fanden wir heraus, das Malik 20 Jahre alt ist, eine deutsche Schule besuchte, gerade mit einem Video Projekt eine Fahrt nach Berlin gewonnen hat und RAMMSTEIN hört … Passt!

Natürlich haben wir die Hauptsehenswürdigkeiten Samarkands gesehen, standen in der prallen Mittagssonne auf dem grossartigen Registan … einem riesigen Platz mit einer Moschee an der Frontseite und dann an der Symmetrieachse gespiegelt links und rechts je einer Medrese mit wuchtigen Torbauten und flankierenden Minaretten. Die Kuppeln glitzern im Blau des Himmels und bunt, bekleidete usbekische Frauen beleben den steinig, grauen Boden des Platzes mit Farbtupfern. Der Bau des Ensemble geht auf das 14. Jahrhundert und den Herrscher Timur zurück, stellt eine timurianische Interpretation indischer Architekturelemente dar und ist sehr überwältigend. Mehr Informationen dazu findest Du in einem guten Reiseführer oder du buchst Malik für Deine Tour durch Samarkand …

Wir nutzten die Zeit des Stadtspaziergangs und der Rast in einem einfachen Lokal auf dem Basar, um Malik über sein Leben in Samarkand auszufragen. Er antwortete meist mit etwas Bedacht und wir streiften die grossen politischen Themen nur kurz (Malik wusste erstaunlich viel über die aktuelle politische Landschaft in Deutschland und schaut gern die „Heute-Show“). Durch die Gespräche konnten wir einen kleinen Einblick in das Alltagsleben eines jungen Menschen in Samarkand erfahren und seinen nicht ganz so rosigen Blick in die Zukunft. Wir wünschen Malik, dass ein BWL Studium an einer deutschen Uni für ihn möglich wird.

Die goldene Abendstunde verbrachten wir dann wieder zu fünft mit unseren Kameras auf dem Registan mit seinen gut ausgeleuchteten Gebäuden, experimentierten mit Belichtungszeit, Lichtspots und einem Stativ. Gemeinsam mit hunderten anderen Stadtbewohnern und Touristen verbrachten wir 2 Stunden mit Beobachten und etwas Herumblödeln, bis die Nacht den Himmel vollkommen schwarz über der Stadt färbte. Ein warmer Frühlingsabend in Samarkand duftet nach reifen Maulbeeren …

Anvars Tashkent

Wir sind glückliche Reisende, willkommene Gäste in einem fernen Land, die gelebte Gastfreundschaft erfahren durften. Noch immer verwundert es uns, wenn wir an die letzten 24 Stunden zurück denken. Ich halte etwas den Spannungsbogen 🙂 und komme später zu den Gründen.

Eine warme Morgensonne weckte uns im Guesthouse früh und nach einem kleinen Frühstück, dass sich als sehr vorteilhaft erwies, starteten wir unseren ersten Tag in der Hauptstadt von Usbekistan. Von unserer Unterkunft liefen wir unter Schatten spendenden Bäumen, an breiten Boulevards in Richtung Metrostation. Links und rechts ragen 7- und mehrgeschossige Häuser im Charme der 70ziger Sowjetarchitektur auf und erinnern an unsere Kindheit im den ostdeutschen Bezirksstädten oder dem Ostteil Berlins. Die Wohnhäuser stehen auf einem breiteren Sockel, in welchen sich Läden, Cafés oder Restaurants befinden. Die Zahnarzt Tagesklinik heisst wie früher in Hoyerswerda: Stomatologie und die breiten Gehweg-Platten liegen windschief als Stolperfallen auf dem Boden.

Die Tashkenter U-Bahn kann mit der Metro von Moskau mithalten … nicht ganz so tief unter der Erde, aber auch die Stationen hier sind wahre Paläste mit orientalischem Architektur-Flair. Die Jettons zum Öffnen der Einlassschranke verkauft eine resolute Uniformierte in ihrem vergitterten Kassenhäuschen mit dem Charme einer sozialistischen Planwirtschaftswelt für wenig Geld. Wie in Moskau rast der Zug mit ohrenbetäubenden Schnaufen und Fauchen in die Station und nimmt uns mit in Richtung Basar … Leider ist das Fotografieren in der U-Bahn nicht gestattet und mir ist ein längeres Gespräch mit den überall sehr präsenten Polizisten mit ihren grossen Gummischlagstöcken nicht sonderlich wichtig.

An der Station Chorsu spülten uns die anderen Fahrgäste mit ans helle Sonnenlicht und in die Mitte des geschäftigen, grossen Tashkenter Basars. Bitte nicht das Bild einer orientalischen Stadt mit glitzernden Wunderlampen und weichen Teppichen vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Tashkent ist anders. Die Stadt musste 1966 eine grosse Tragödie durchstehen. Ein Erdbeben erschütterte die Stadt, tötete viele Menschen und zerstörte das alte Tashkent aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die Stadt wurde als sozialistische Musterstadt wiederaufgebaut und hat daher zum einen eine Vielzahl moderner Gebäude, aber eben nicht den historischen Stadtkern, der uns in Samarkand und Buchara erwarten wird.

Der Basar ist eine riesige Kuppel, die geschäftiges Handeln darunter bei jedem Wetter ermöglicht. Wenn auch die alte Bausubstanz (nicht wirklich) fehlt, bietet alles andere die Vielfalt eines Basars … der Geruch der erntefrischen Erdbeeren, die in riesige Schüsseln aufgehäuft zum kaufen einladen, die geschlachteten Lammhälften, die an blanken Eisenhacken baumeln und der Lärm eines geschäftigen Marktes. Wir probierten verschiedene Gewürze, Kurth (eine Art getrockneter Schafskäse, sehr krümelig und salzig) in allen möglichen Formen und Sesamkrokand. In der Obsthalle überborden die Stände nur so: Erdbeeren, die ihren Duft verströmen, Kirschen, die in tausend Rottönen leuchten und Maulbeeren, aus denen der süße Saft heraustropft. Und die Menschen: geschäftig, aber doch eine gewisse Ruhe ausstrahlend. Natürlich probierten wir das heisse, frisch gebackene Brot, Non und beobachteten die Bäcker bei der Arbeit am Ofen.

Wo bekommt man den besten Kebab … eben am Basar. Eine eigene Strasse mit qualmenden Holzkohlegrills und verschiedensten Spiessen über dem Feuer konnten wir nicht ignorieren. Mit viel Gestik und dem vollen Einsatz unserer Finger landeten 5 frisch zubereitete Spiesse, Non und grüner Tee auf unserem Tisch. Unser usbekischer Tischnachbar, sicher bereits deutlich über 80, freute sich über unsere deutsche Sprache, steuerte ein paar deutsche Wörter bei und wir durften von seinen Erdbeeren kosten.

Zufrieden und satt flanierten wir weiter durch die kleine Altstadt, deren Gebäude allerdings gerade einem neuen Hotelkomplex weichen muss unserer ersten Moschee dieser Reise entgegen. Ein grosser Platz bietet den Raum für ein Ensemble aus einer neuen, historisierend gestalteten grosse Moschee und historischer Bausubstanz, die als Souvenir Shop genutzt wird 🙂 …

Die rasante Metro brachte uns schnell wieder in die Neustadt zurück. Grosszügige Boulevards und grüne Parkanlagen sind umstellt von wuchtigen, meist mit weissem Marmor verkleideten Repräsentationsgebäuden. Diese Gebäude beherbergen Regierungsbehörden, Banken und Industriekonzerne. Nicht wirklich schöne Architektur … eher klare Machtdemonstration. Im Hotel Usbekistan gelang es uns dann tatsächlich Thomas zum Millionär zu machen … mit 4 dicken Bündeln Som Geldnoten.

Mit russisch-kyrillisch geschriebenen WhatsApp Nachrichten (google sei Dank) hatten wir uns mit unserem Schlafwagenbegleiter Anvar für 18 Uhr am Guesthouse vereinbart. Wir waren uns bereits im Zug sehr sympathisch und fanden irgendwie eine gemeinsame Sprache aus dem wenigen Russisch was wir noch sprechen und unserem kleinen usbekischen Wörterbuch. Wir tauschten unsere Mobilnummern und vereinbarten uns am nächsten Abend zu treffen. Anvar fragte nach unserer Ankunft in Tashkent sofort per WhatsApp nach, wie erfolgreich unsere Bemühungen um Fahrkarten war und bot sich an, gemeinsam an diesem Abend mit uns die Tickets zu organisieren.

Pünktlich um 6 standen Jakob und Anvar (nach ihrer 4 Tage und Nächte dauernden Zugbegleitung) frisch „gestriegelt“ vor der Tür unseres Guesthouses. Jakob lud 3 von uns in ein organisiertes Taxi und wir stiegen mit Anvar in sein Auto, das kleinstes Modell eines Daewoo (made in usbekistan). Die Tickets hatten nicht die höchste Priorität, zuerst musste ein ordentliches Essen organisiert werden. Wir landeten in einem grösseren, einfachen Lokal in der Nähe der Bahngleise und recht schnell war der Platz auf dem Tisch mit Fleischspiessen, frittiertem Fisch, Non (Brot) und verschiedenen Kräutern, Tomaten und frischen Zwiebeln belegt. Wir bemühten uns sowohl alles aufzuessen als auch die Rechnung zu bezahlen … beides erfolglos. Immer wieder betonte Anvar, dass wir seine Gäste und die seines Landes seien. Und von seinen Gästen nehme man kein Geld.

Anmerkung Conny: Mich hat Anvars Selbstlosigkeit und gelebte Gastfreundschaft sehr beeindruckt. Nach den anstrengenden Arbeitstagen sich Zeit für uns zu nehmen und uns sein Taschkent zu zeigen.

Jakob musste nach dem Essen zurück zu seinen beiden Frauen und den sieben Kindern, aber für Anvar und uns sollte der Abend noch weiter gehen. Anvar hatte für uns Kerle, Thomas, Sebastian und mich gehäkelte Kappen organisiert, die die typische Kopfbedeckung für Samarkand sind. Diese durften wir sofort aufsetzen und mit unserem hohen Grad an Gelenkigkeit den kleinen Deawoo mit sechs Leuten füllen. Anvar und Thomas vorn, Sebastian, Christiane und ich hinten und Conny quer über uns verteilt 😇 … fuhren wir durch das nächtliche Samarkand zum Platz mit den hell erleuchteten Moscheen, dem bunt leuchtenden Fernsehturm (die startende Rakete) und zuletzt vor das von unzähligen LED zu einer riesigen Leinwand verwandelte Hotel Usbekistan mit dem Reiterstandbild des usbekischen Herrschers Timur davor.

Kurz vor 23 Uhr landeten wir wieder im Guesthouse und ich brachte die Diskussion nochmals vorsichtig auf die Fahrkarten zu sprechen, in der Hoffnung, dass uns Anvar am nächsten Morgen beim Kauf der Tickets behilflich sein könnte. Seine Antwort war … also in russisch-usbekisch 🙂 … warum bis morgen warten, wir fahren gleich noch zum Bahnhof.

Um die leidliche babylonische Sprachverwirrung zu lösen wurde noch Anvars siebzehnjähriger Sohn Artyom von zu Hause abgeholt und mit ins Auto verladen … ab jetzt ging es auf Englisch etwas schneller voran. Artyoms erste Frage war dann auch, wie wir uns mit seinem Vater verständigt haben konnten … so ist das Leben eben manchmal.

Machen wir es kurz … wir haben eine Stunde schwer am Schalter mit einer jungen Beamtin der Staatsbahn, die eigentlich bereits Feierabend machen wollte verhandelt. Nicht alle Tickets waren mehr verfügbar … aber 3 Fahrten konnten wir buchen. Nun fehlte uns nur noch das Ticket für die Fahrt am nächsten Morgen nach Samarkand. Kein Problem, denn Anvar versprach uns, um 10 Uhr am Guesthouse auf uns zu warten und uns bei der Organisation eines Taxis behilflich zu sein … aber das wird ein neuer Blog …

Wir haben Anvar sehr zu danken … ohne seine Hilfe wäre es extrem schwierig geworden unsere Weiterreise so wie geplant zu gestalten. Wir sind glückliche Reisende …